Hat die Neoklassik ausgesorgt?

Häufig wird gefragt, ob die Neoklassik bei der Vorhersage der aktuellen Krise versagt hat. Ich glaube nicht daran. Vielleicht hat die Elite der Wirtschaftswissenschaftler die Krise nicht vorher gesehen, aber es gab immer Mahner, die später Recht behielten. Deswegen würde ich mich eher mit der Frage auseinander setzen, wie sich eine Elite bildet. In der Vergangenheit wurden die Mahner abgedrängt und aus der Elite verstoßen, wenn ihre Vorhersage nicht zeitnah eintrat. So selektierte sich eine Elite der Optimisten, die das System weiter ausbaute und nicht mehr hinterfragte. Deshalb ist es in meinen Augen auch kein Wunder, das momentan eine so große Orientierungslosigkeit herrscht.

Wenn man sich der Neoklassik bedient, muss man sich ihrer Grenzen bewusst sein. Soweit ich sie verstehe kann sie zum Beispiel über den Faktor Zeit wenig Aussagen treffen. Aber der Faktor Zeit, und da denke ich vor allem an Anpassungsprozesse, spielt in der Erklärung unserer heutigen Situation eine elementare Rolle. Und sie war das Problem der Mahner, denn sie konnten nicht sagen, wann der Markt dreht. Hätten die amerikanischen Bänker schneller gelernt, dass sie ihre Immobilienwertpapiere auf nicht tragbaren Risikomodellen aufgebaut haben, so hätte es die aktuelle Krise wohl in dem Umfang nicht gegeben. Hätten die Väter des Euros gleich zu Beginn auch die Kehrseite der Währungsunion besser ausgeleuchtet und geregelt, so hätten wir heute nicht die Eurokrise. In beiden Beispielen wurde das Haftungsprinzip missachtet. Das Haftungsprinzip ist aber letztlich auch nur eine Hilfskonstruktion der vollständigen Information zur Eliminierung des Faktor Zeit. So dürfte die Annahme der vollständigen Information gerade in der Krise das gewesen sein, was die Elite über die Vernachlässigung des Faktors Zeit den Kurs ins Verderben hat nehmen lassen.