Eurokrise – Ist es schon nach zwölf?

Eurokrise – Ist es schon nach zwölf?
Eine Einschätzung

Seit die Marktteilnehmer die Solvenz von Italien in Frage stellen, bekommt die Eurokrise eine ganz neue Dynamik. Die Aktienkurse stürzen und die Anleger flüchten in Dollaranleihen, die gerade noch auf der Kippe standen. Wo stehen wir eigentlich? Gibt es eigentlich die Eurokrise oder ist sie nur eine Spitze eines viel größeren Eisbergs? Wohin wird das führen und welche Handlungsoptionen gibt es noch?

(*Diese Einschätzung verweist an mehreren Stellen auf mein Buch: Die Grenzen des deutschen Wirtschaftswachstums – Welche Veränderungen legt die Soziale Marktwirtschaft nahe? von Christian Pape, ISBN 978-3-00-0353-013-9)

Die Krise des Euros wurde schon mit seiner Einführung herauf beschworen, weil man meinte den Beipackzettel ignorieren zu dürfen. Heute wird die Situation richtig gefährlich, weil die Eurokrise nicht allein kommt. Die Mehrheit der westlichen Industrienationen ist in einem Maße verschuldet, das sehr bedenklich ist. Der Entwicklungsstand der Volkswirtschaften hat ein Niveau erreicht, bei dem Reibungsverluste in Folge kontraproduktiver Regeln die Motoren heiß laufen lassen und das zukünftige Wachstum gefährden. Darüber hinaus haben die Folgen der Pleite der Lehmann Brothers gezeigt, dass die Spielregeln des Kapitalmarktes so nicht nachhaltig sind. Manche meinen, dass wir uns durch das Erhöhen der Dämme vor den Gefahren des Kapitalmarktes schützen könnten. Aber schützt uns das vor dem nächsten Tsunami, auf den wir gerade zusteuern? Müssen wir nicht die Spielregeln auf dem Kapitalmarkt grundsätzlich hinterfragen? Die führenden Industrienationen können von Glück reden, dass es noch keine Alternativen auf Augenhöhe neben ihnen gibt, denn sonst würde das Kapital nicht vom schlechten Euro in den schlechten Dollar wechseln. Würde das Kapital das angeschlagene Schiff der führenden Industrienationen verlassen, wäre das Schiff dem Untergang geweiht. Es liegt mir nicht am Herzen, Horrorszenarios zu skizzieren, aber es liegt mir daran, darauf hinzudeuten, dass die westlichen Industrienationen und Japan, jetzt wirklich nicht mehr viel Spielraum haben, das Ruder herum zu reißen. Vielleicht haben sie noch eine Chance den Wohlstand zu bewahren, die müssen sie aber nun entschlossen nutzen! Am Beispiel Deutschland beschreibe ich das in meinem Buch*, was ich damit meine.

Der Euro wurde als eine gemeinsame Währung der sich beteiligenden Länder eingeführt. Die Aufgabe des Einflusses des einzelnen Staates auf die Währungspolitik „seiner“ Währung, die No-Bailout Klausel und die Aufgabe der Möglichkeit, mit flexiblen Wechselkursen die Spannungen, die aus wirtschaftlichen Ungleichgewichten resultieren, abzubauen, bedeutete für die Staaten, dass sie sich in eine Situation begaben, die einem Land entspricht, das seine Landeswährung an eine Fremdwährung koppelt und seine Schulden nur in dieser Fremdwährung fakturiert. Wie gefährlich dieses Vorgehen ist, zeigt vielfach die Geschichte. Die Gefahr resultiert vor allem daraus, dass wirtschaftliche Ungleichgewichte in so einer Umgebung viel schlechter abgebaut werden können und auch der reale Wert der Staatsschulden nicht mehr mit der Leistung der Volkswirtschaft verknüpft ist. Denn eine geringe Leistungsfähigkeit eines Landes lässt in der Regel auch den Wert seiner Währung sinken und damit auch den realen Wert der Schulden, die auf diese Währung lauten. Bei flexiblen Wechselkursen können wirtschaftliche Ungleichgewichte durch eine Anpassung des Wechselkurses ausgeglichen werden. Die Reallöhne und die Preise der eigenen Produkte am Weltmarkt verändern sich mit dem Wechselkurs und führen mit geringen Reibungsverlusten zu einem Marktgleichgewicht. Ist der Staat auch in seiner eigenen Währung verschuldet, passt sich seine reale Schuldenlast mit der Wechselkursänderung an. Kann sich der Wechselkurs aber nicht anpassen, so muss das wirtschaftliche Ungleichgewicht auf andere Weise aufgelöst werden. Das kann durch Veränderung der Löhne oder durch Wanderungsbewegungen der Erwerbstätigen erfolgen. Beide Anpassungsprozesse weisen aber deutlich höhere Widerstände als die Wechselkursveränderung auf. So haben sich im Euroraum recht gravierende Marktgleichungleichgewichte entwickelt. Diese führen für jene Staaten, deren Kostenniveau zu hoch ist, zu einem Schrumpfen der Wirtschaft, begleitet von einer Freisetzung von Arbeitskräften, die nun nicht nur keinen Beitrag mehr zum Bruttosozialprodukt liefern, sondern auch noch dem Staat zusätzliche Kosten aufbürden, wenn sie nicht abwandern. Sind die Anpassungserfordernisse nicht zu groß, kann durch Lohnzurückhaltung das Ziel noch erreicht werden. So führt ein Marktungleichgewicht in einem gemeinsamen Währungsraum nicht nur zu einem real und nominell abnehmenden Sozialprodukt, sondern auch zu einer Belastung des Staatshaushaltes. Dem abnehmenden Sozialprodukt steht dann aber selbst bei konstanter Verschuldung ein Anstieg der Verschuldungsquote gegenüber. Sinkende Steuereinnahmen in Folge der sinkenden Wirtschaftsleistung, steigende Ausgaben in Folge des angespannten Sozialsystems und eine, aufgrund der kleiner werdenden Bezugsgröße, steigende Verschuldungsquote führen zu einem deutlich schnelleren Anstieg der Staatsschulden. Wenn dann eine No-Bailout Klausel gilt, fangen spätestens in so einer Situation die Teilnehmer des Kapitalmarktes an, sich zu fragen, ob das Land die Staatsschulden noch tragen kann. Und je nachdem, wie unsicher sie sich darüber sind, desto höher sind ihre Risikoprämien, die sie von dem Staat fordern. Dieser Anstieg der Risikoprämien kann die Situation dann schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung machen, wenn die höheren Zinsforderungen den Spielraum und die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft und die ihres Staates übersteigen. Das ist das, was gerade in einigen Eurostaaten passiert. Vor diesem Hintergrund ist es leicht verständlich, dass ein Staat des Euroraums eigentlich einen viel größeren Risikopuffer und eine entsprechend niedrigere Verschuldung bräuchte, als ein Staat mit einer eigenen Währung. Diese Probleme, die der Konstruktion des Euros inne wohnen, mussten jedem von Anfang an klar gewesen sein! Sie sind auch kein wirkliches Problem, wenn man sich ihrer bewusst ist und entsprechend handelt. Zumal dem auch gewichtige Vorteile durch die einheitliche Währung gegenüber stehen. Man hätte aber deutlich engere Kriterien hinsichtlich der Verschuldung und viel strengere Mechanismen zu ihrer Durchsetzung festschreiben müssen. Die in Maastricht festgelegten Sätze sind vielleicht für Staaten mit einer eigenen Währung gesund, aber für einen Staat im Euroraum fehlt der Puffer, den es braucht, um auch eine Krise souverän zu bestehen. Heute wären die meisten Staaten schon glücklich, wenn sie die in Maastricht als Obergrenze festgesetzten Werte erreichen würden.

Verschärft wurden diese Probleme dadurch, dass die dominanten Marktteilnehmer am Anleihemarkt nicht an die Einhaltung der No-Bailout Klausel glaubten und selbst den weniger solventen Staaten ihre Gelder fast ohne zusätzlichen Risikoaufschlag zur Verfügung stellten. Das verführte auch die Griechen dazu, der Verlockung des billigen Geldes zu folgen. Und je höher die Verschuldung ist, desto eher droht die soeben beschriebene Problematik.

An diesem Punkt müsste auch das Haftungsprinzip diskutiert werden. Muss man nicht diejenigen mit ihrem Privatvermögen in die Haftung einbeziehen, die eine Regierung gewählt haben, die die Verschuldung in die Höhe getrieben hat? Schließlich sollten die Wähler auch den Nutzen daraus gezogen haben. Und muss man nicht auch die Anleihekäufer die Risiken ihres Investments tragen lassen? Schließlich waren sie es, die von der Risikoprämie profitiert haben, wie viel zu niedrig sie auch immer gelegen haben mag. Eine niedrige Risikoprämie entsteht durch einen hohen Kurs, den sie für die Anleihe bezahlt haben. Mit der Bereitschaft diesen hohen Preis zu zahlen, haben sie andere als prägende Marktakteure verdrängt, die dieses Risiko höher bewertet haben.

Nun, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Welche Handlungsoptionen verbleiben jetzt? Zum einen muss die Krise bewältigt werden und zum anderen müssen die Euroländer das Regularium ihrer Währung zukunftsfähig gestalten. Spätestens mit den ganzen Rettungsfonds wurde die Idee der No-Bailout Klausel zu Grabe getragen. Es gibt also gar kein tragfähiges Regelwerk für den Euro mehr, auf das sich die Währung stützen könnte.

Bevor ich fortfahre, möchte ich dem Leser die Probleme vor Augen führen, denen die betroffenen Eurostaaten gegenüber stehen. Deutschland hat vor einigen Jahren schon einen kleinen Anpassungsprozess durchleben müssen, der durch starke Lohnzurückhaltung geprägt war. Schon das war eine große Herausforderung. Ein kleines Beispiel möge dem Leser die Ausmaße des Problems vor Augen führen, dem nun die Griechen gegenüber stehen. Angenommen Griechenland hätte eine Verschuldungsquote von 160% und einen durchschnittlichen Zinssatz von 7%, dann würde das bedeuten, dass die Griechen jährlich 11,2 % ihres Sozialproduktes für Zinszahlungen aufwenden müssten. Wenn Deutschland zeitgleich nur eine Verschuldungsquote von 80% und einen durchschnittlichen Zinssatz von 3% hätte, so müssten die Deutschen nur 2,4% ihres Sozialproduktes für Zinsen aufwenden. Wenn die Deutschen in diesem Beispiel den gleichen Anteil des Sozialproduktes für ihren Schuldendienst wie die Griechen aufwenden würden, so würde die Differenz von 8,8% (11,2% minus 2,4%) des Sozialproduktes ausreichen, die Deutsche Staatsschuld um 11% zu tilgen. Mit einem Schuldendienst in dieser Größenordnung wäre Deutschland innerhalb von gut 8 Jahren schuldenfrei. Und dabei tut sich Deutschland schon heute so schwer, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Welche Handlungsoptionen bestehen? Zum Glück kann man sagen, dass fast nichts alternativlos ist, wie es heute gerne behauptet wird. Es gibt aber einige Rahmenüberlegungen, die man dabei berücksichtigen sollte. Die Staaten der Eurozone zusammen haben mittlerweile eine Verschuldungsquote von fast 90%. Für einen Staat mit einer eigenen Währung ist das schon viel und wahrscheinlich mehr als was für einen stabilen und nachhaltigen Staatshaushalt tragbar ist. Die USA und Japan weisen jedoch noch höhere Verschuldungsquoten auf. Für sicherheitsorientierte Kapitalanleger gibt es aber derzeit neben den Staatsanleihen des Euroraum und denen dieser beiden Schwergewichte kaum wirkliche Alternativen. Deshalb hat die Eurozone noch einen kleinen Spielraum, aber auch keinen großen. Aber diesen Spielraum wird sie wohl auch nur nutzen können, wenn sie als ganzes diese Schulden trägt. Nur dann sind Währungs- und Schuldenraum deckungsgleich, wodurch sich die schützende Wirkung der eigenen Währung entfalten kann. Auch die hohe Quote der Gläubiger der Euroschulden innerhalb des Euroraums würde in diesem Fall stabilisierend wirken. Wollen die Staaten der Eurozone jedoch jeder für sich weiterhin ihre Schulden bewältigen, so wird es einige Staaten überfordern. Die Folge wird die Zahlungsunfähigkeit einiger Staaten sein. Für den betroffenen Staat kann dies sehr heilsam sein, wenn er sich danach frei von seinen Schuldenfesseln wieder schnell erholen kann. Aber so eine Zahlungsunfähigkeit birgt die Gefahr, dass sie einen Flächenbrand im Kapitalmarkt erzeugt, der seine Nachbarn auch in Mitleidenschaft zieht. Banken und Lebensversicherungen sind große Gläubiger von Staatsanleihen. Sie haben aber nur sehr kleine Risikopuffer. Kommen sie ins straucheln, so sollten die Sicherungsfonds ihrer Branche greifen. Aber schon in der Lehmann-Krise wurde offenbar, dass, wenn die gesamte Branche leidet, ein Rückgriff auf die Solidarhaftung der Branche diese kollektiv den Abhang hinunter stürzen würde*. Wie auch in der Lehmann Krise müssten die Staaten also auch diesmal wieder einspringen, um das System vor dem Kollaps zu bewahren. Es steht zu befürchten, dass es die Staaten diesmal endgültig überfordert und selbst mit in den Strudel reißt. Aber selbst wenn das Kapitalsystem die Ausfälle an die jeweiligen Nutznießer der Investition weiter reichen könnte, so könnte es zu einer Pleitewelle kommen, die auch jene mit sich reist, die selbst keine Geschäfte mit den betroffenen Staaten gemacht haben. Als Beispiel dafür diene die Pleite des Immobilienlöwen Schneider, bei der viele vormals gesunde Subunternehmer durch den Forderungsausfall gegenüber Schneider selbst in die Insolvenz getrieben wurden. Vor diesem Hintergrund sollte versucht werden, die Haftung der Gläubiger möglichst kontrolliert in Anspruch zu nehmen. Eine Pleite reißt in der Regel durch die Kosten, die durch ihre Abwicklung entstehen, noch viel größere Löcher, die sich in dieser Situation weiter pflanzen können.
Vor diesem Hintergrund wird es entscheidend sein, schnell und bestimmt zu handeln und Unsicherheiten, die sich in höheren Zinsforderungen niederschlagen und die zu einem unnötigen Anstieg der Kosten bzw. der Verschuldung führen, zu vermeiden.

Eine schnelles und bestimmtes Handeln, könnte auch in Bezug auf das Moral Hazard (moralische Versuchung) Problem hilfreich sein. Moral Hazard führt dazu, dass Länder mit schlechter Finanzlage ihre Unterstützung kontraproduktiv nutzen. Beispiele gibt es dafür auch unter den deutschen Bundesländern.

Vor diesem Hintergrund scheint die aktuelle Strategie der Rettungsfonds, die den betroffenen Staaten den Zugang zu Geld gestatten ohne die Krise abschließend aufzulösen, denkbar schlecht zu sein. Die unterstützten Staaten unterliegen der Gefahr des Moral Hazard. Die Perspektive der Gläubiger wird nicht abschließend geklärt, so dass sie sehr hohe Risikoaufschläge einfordern, die zu unnötigen Refinanzierungskosten führen. Sie sind unnötig, da sich die Eurostaaten schon heute entscheiden könnten, ob man den Staat pleite gehen lassen oder ihn in aller Konsequenz durchfüttern möchte. In beiden Fällen sollte man schon heute entschieden handeln und nicht versuchen, teuer bezahlte Zeit zu gewinnen. Denn je höher die Kosten des Hinhaltens werden, desto eher besteht die Gefahr, dass sich die Gemeinschaft der Eurostaaten am Schluss mit der Krise übernimmt. Zugleich überfordert man die Leistungsfähigkeit der betroffenen Staaten, wenn man glaubt, dass Griechenland und andere den immensen Schuldendienst, der aus den hohen Zinsen resultiert, noch neben der notwendigen Aufbauarbeit leisten können. Unter diesem Druck können sie nicht wieder auf die Beine kommen.

Ist die Lösung besser, stattdessen für die Schulden gemeinschaftlich zu haften, wie es von dominanten Marktteilnehmern gefordert wird? Solange jeder seine eigenen Schulden bedienen muss, schützt das zwar die Gläubiger, senkt die Zinskosten und rettet die Eurozone vor dem Zerfall, aber es hilft den Staaten nicht, wieder auf die Beine zu kommen. Die Staaten werden dem Moral Hazard erliegen und versuchen auf Kosten der Anderen sich besser zu stellen. Die hoch verschuldeten Staaten werden unter ihren Altlasten leiden, da sie durch die Zinslasten im Vergleich zu den anderen Staaten benachteiligt sind. So werden die schwachen Staaten behindert und nicht gefördert. Mit diesem Vorgehen wäre vor allem den Gläubigern geholfen. Der Eurozone würde ein langes Siechtum drohen, da sich viele Krisenstaaten mit ihrem Neustart schwer tun würden.

Anders sähe das aus, wenn nur für die Altschulden gemeinschaftlich gehaftet würde und diese in einen Altlastentilgungsfonds zusammengefasst würden, dem jeder Staat den gleichen Anteil seines Sozialproduktes zukommen lassen müsste, um dessen Zinsen und Tilgung zu leisten, wie ich es auch in meinem Buch* für die Schulden der verschiedenen deutschen Gebietskörperschaften vorgeschlagen habe. Da nur die Schulden der Vergangenheit übertragen würden, wäre Moral Hazard nach der Übergabe der Schulden nicht mehr zu erwarten. Die Zahlung entsprechend der Leistungsfähigkeit der einzelnen Staaten, würde auch den schwachen Staaten faire Aufstiegschancen eröffnen. Ein schneller Angleich des Wohlstandes aller Staaten auf dem hohen Niveau der führenden Staaten würde auch die Verschuldungsquote aller senken. Dieser Schritt würde aber nur dann Sinn machen, wenn zugleich neue, strenge Regeln für die Gemeinschaftswährung und für die Neuverschuldung der einzelnen Staaten eingeführt würden*. Auf den ersten Blick wäre diese Lösung für viele Staaten sehr teuer, aber wer weiß, wo der eigene und die anderen Staaten in 10 bis 20 Jahren stehen. Man denke nur an das Problem der Alterspyramide. Diese Risiken würden auf alle Schultern verteilt. Bei diesem Modell wäre auch eine Beteiligung der Gläubiger möglich, indem die Altschulden durch den Altlastentilgungsfonds nur zum Marktpreis eines in der Vergangenheit liegenden Tages X angekauft würden. Dieses vorgehen müssten die Gläubiger verkraften können, ohne dass es zu Pleitewellen kommt. Selbst die Einstufung dieses Vorgehens als Zahlungsausfall der Krisenstaaten durch die Ratingagenturen wäre ungefährlich, da die Refinanzierung der Schulden durch die Gemeinschaft gesichert wäre und der frei werdende Spielraum in den Haushalten der Krisenstaaten sie weitestgehend unabhängig von den Kreditmärkten machen sollte.

Bei all diesen drei Varianten, die bis jetzt benannt wurden, gehen die gesunden Staaten Verpflichtungen ein, die sie später nicht wieder abstreifen können, wodurch sie ihre Unabhängigkeit verlieren. Dies gilt insbesondere auch für die derzeit immer weiter ausgeweiteten Rettungsfonds. Mit ihnen gehen die gesunden Staaten immer mehr Verpflichtungen ein, die die folgenden Varianten zunehmend unattraktiv erscheinen lassen, weil diese die Garantien dann nahezu unweigerlich zu Zahlungsverpflichtungen werden lassen würden.

Als erste Variante unter diesen müsste wohl die Insolvenz unter Beibehaltung der Integrität des Euroraumes genannt werden. Da der Euro als unabhängige Währung positioniert ist, dürfte eine solche Insolvenz dem Euro nicht schaden. Dieser Schaden entsteht allenfalls indirekt, wenn es durch die Unzulänglichkeiten am Kapitalmarkt auch in diesem Fall zu einem Flächenbrand wie nach der Lehmann Pleite kommen sollte. Da, wie oben erwähnt, die Veränderungen im Bankensektor sich im wesentlichen darauf beschränkten, die schützenden Dämme ein wenig höher zu ziehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass es wieder zu einem Flächenbrand kommt. Nur dass die Staaten und die Wirtschaft heute in einer deutlich schlechteren Verfassung sind, als beim letzten mal und die Welle eher größer als kleiner sein wird. Vor diesem Hintergrund droht dem Euro als Währung tatsächlich eine ernstzunehmende Gefahr. Denn es scheint ausgeschlossen zu sein, dass es noch genug Zeit hat, erst den Kapitalmarkt zu restrukturieren, bevor man die Staaten in die Insolvenz gleiten lässt. So wäre eigentlich ein kontrollierter Schuldenverzicht der Gläubiger anzustreben. Aber auch diese Wissen um die Gefahr einer unkontrollierten Insolvenz. Damit haben sie eine starke Verhandlungsposition, die eine Lösung mit wenig Schäden wohl nahezu unmöglich macht. Auf dem Weg in so eine Insolvenz ist das Problem des Moral Hazard bei dem betroffenen Staat besonders groß. Denn je größer die Krise ist, desto schneller kann es zum Schnitt kommen, der es von seinen Lasten befreit. Und je schneller es wieder von seinen Lasten befreit ist, desto höher ist die Chance, dass sich das Land danach schnell wieder erholt, weil dann noch viele der alten Wirtschaftsstrukturen reaktivierbar sind. Dauert die Krise zu lange, werden die benötigten Produktionsmittel und Arbeitnehmer nicht mehr so einfach zusammen finden und vielleicht auch nicht mehr reaktivierbar sein. Insgesamt wird diese Lösung für die gesunden Staaten der Eurozone mit einem sehr großen Risiko verbunden sein.

Als Alternative dazu, wird die Auflösung der Eurozone, diskutiert. Interessanter Weise wird vor allem der Rausschmiss der Krisenstaaten in diesem Zusammenhang diskutiert. Das verwundert mich insofern, weil keiner Vorteile davon hat, außer dem Krisenstaat selbst. Die Einführung einer eigenen Währung, würde bei denen zu einer sofortigen Abwertung führen. Ihre Schulden blieben aber weiterhin Euroschulden. Ihre Verschuldungsquote würde folglich in kürzester Zeit explodieren und zu der Insolvenz mit dem höchsten Verlust für die Gläubiger führen. Dementsprechend wäre die Gefahr eines Flächenbrandes und damit eines schweren Schadens für die anderen Staaten am größten. Für den Krisenstaat selbst verspricht dieser Ablauf aber eine kurze Schocktherapie zu werden. Mit einer eigenen Währung und einem extremen Schuldenschnitt, wird sich der Staat anschließend wieder schnell entwickeln können, da in diesem Fall die Chance mit am größten ist, dass die Wirtschaftsstruktur mit seinen realen Arbeits- und Produktionspotentialen den kurzen Sturm gut überlebt und schnell wieder zusammen findet. Im Vergleich zur Insolvenz unter Beibehaltung der Integrität des Euroraumes, ist dieses Szenario vor allem für den Krisenstaat von Vorteil. Der Gläubiger würde seine starke Verhandlungsposition verlieren und wahrscheinlich den größtmöglichen Verlust erleiden. Dementsprechend dürfte das Risiko für die gesunden Staaten der Eurozone in diesem Fall am größten sein.

Die andere Variante ist die, dass der Euro den Krisenstaaten überlassen wird und die Gesunden ihre eigene Währung einführen. Dieser Weg könnte Vorteilhaft für alle sein. Die Krisenstaaten erhielten die Möglichkeit ihre Probleme durch die Abwertung des Euros zu bereinigen. Das gilt insbesondere auch für die Abwertung ihrer eigenen Schulden, da sie die Macht über den Euro erlangen. Die Altschulden der gesunden Staaten in Euro würden ebenfalls abgewertet. Der so entstehende Finanzspielraum müsste zum Teil zur Stützung des Kapitalsektors aufgewandt werden. Aber da diese Entwicklung auch stetiger als die Insolvenz einzelner Staaten ablaufen würde, wäre auch hier zu erwarten, dass die Welt des Kapitals und die Wirtschaft die Anpassungsprozesse in diesem Fall halbwegs verkraften würden. Moral Hazard ist in diesem Fall nicht zu erwarten. Die Gläubiger würden in diesem Fall in die Haftung genommen und die gesunden Eurostaaten würden wahrscheinlich recht unbelastet aus der Krise kommen.

Am Ende dieser beiden Varianten wäre die große Eurozone Geschichte. Und es ist fraglich, ob diese große Euroidee bald einen Nachfolger finden würde. Die Vorteile des heutigen Euros durch den Wegfall der Wechselkurse im Binnenmarkt könnten sicherlich zum Großteil bewahrt werden, wenn sich diese Wechselkursrisiken durch eine europäische Zentralbank als Clearingstelle billig und einfach absichern ließen. Schließlich wächst Europa vor allem auch durch die zunehmende Harmonisierung zusammen, die den grenzüberschreitenden Handel vereinfacht. Dieser Weg sollte auch im Falle des Scheiterns des Euros weiter verfolgt werden. Allerdings sollte eine Harmonisierung auch immer noch einen Wettbewerb der Staaten und Regionen untereinander erlauben. Denn das sollten die aktuellen Krisen uns vor allem lehren, wir haben noch nicht den Stein der Weisen gefunden, was die Organisation unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems anbelangt. Und der Wettbewerb ist nun einmal eines der besten Verfahren zur stetigen Optimierung, die wir bisher entdeckt haben*.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Euro gescheitert ist. Die Eurostaaten haben die Möglichkeit zusammen einen neuen Euro zu gestalten. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll und berechtigt zu sein, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und alle Altschulden in einen gemeinsamen Altlastentilgungsfonds zu überführen, an den alle den gleichen Anteil ihres Sozialproduktes zwecks Zinszahlung und Tilgung überweisen. Dies ist das Extrem des Zusammenrückens der Eurostaaten. Aber ebenso sinnvoll und berechtigt, erscheint das andere Extrem, die Flucht der gesunden Eurostaaten aus der Eurozone, um jeweils oder gemeinsam eine neue Währung einzuführen. Allerdings wird mit jedem weiteren Schritt in Richtung der gegenseitigen Haftungsübernahme die Flucht beziehungsweise ihre Sinnhaftigkeit weiter verbaut. So bestätigt es sich, dass die Eurostaaten sich jetzt entscheiden sollten, wohin sie wollen. Vielleicht ist es noch vor zwölf und sie haben noch die Wahl!