Warum unser Wirtschaftssystem auf einem falschen Fundament steht

Ich habe bereits über die Unzulänglichkeiten im Finanzmarkt geschrieben. Dennoch habe ich im Folgenden noch einmal versucht, dieses Problem von einer anderen Seite her zu beleuchten.

Meine Überlegung läuft darauf hinaus, dass das Haftungsprinzip, wie es unser Wirtschaftssystem bräuchte, nicht mit dem Konstrukt der risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins zusammen passt, das wir als Fundament vieler elementarer Konstruktionen unseres Wirtschaftssystems nutzen.

Das Haftungsprinzip scheinen wir dringender zur Stabilisierung des Marktsystem zu benötigen, als es die Theorie annimmt. Denn die Theorie geht von dem Selbstreinigungseffekt des Marktes auf der Basis der Lernprozesse aus. Die Erfahrung aus der jüngsten Krise zeigt uns, dass wir zu langsam lernen und zu schnell vergessen. In der Realität gibt es also den Faktor Zeit in der Gleichung, der geeignet ist, das Marktsystem ins Ungleichgewicht zu stürzen. Das Haftungsprinzip eliminiert in dieser Gleichung die Zeit, die wir ansonsten brauchen, um richtiges und falsches Handeln zu erkennen und unser Handeln nach diesen Erkenntnissen auszurichten. Folglich dürfte der Markt ohne das Haftungsprinzip kaum nachhaltig stabil sein können.

Die Überlegungen zum Selbstreinigungsprozess, wie auch zum Haftungsprinzip gehen davon aus, dass ein Schaden innerhalb des Marktsystems aufgefangen werden kann. Dass dies derzeit im real existierenden System in Frage zu stellen ist, möchte ich zeigen.

Der Ausgangspunkt dafür ist die risikolose Anleihe zum risikofreien Zins. Die originäre risikolose Anleihe zum risikofreien Zins ist die Einlage bei der Notenbank. Denn die Notenbank ist der Ausgangspunkt des nominalen Geldwertes, indem sie den nominalen Geldwert an eigentlich wertloses Papier bindet. Im Folgenden wird die Frage aufgeworfen, ob im real existierenden Wirtschaftssystem der Einsatz der risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins als Baustein verschiedener Produkte verantwortbar ist.

In der Theorie ist jedes Wertpapierprodukt in seine kleinsten Derivate zerlegbar und jedes Wertpapierprodukt auch mit Derivaten reproduzierbar. Die risikolose Anleihe zum risikofreien Zins ist eines dieser elementaren Derivate.

Nur wenn Wertpapierprodukte des Wirtschaftslebens das Derivat der risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins enthalten, kann man mit gutem Gewissen auf der Basis der Wertpapierprodukte des Wirtschaftslebens jene Wertpapierprodukte konstruieren, die später die US-Immobilienkrise so verherrend machten oder die die Staaten in Europa zur Intervention zwangen. In den USA waren es die Asset Backed Securities und in Europa waren es unter anderem die Garantien der Sichteinlagen bei Banken, der Kapitallebensversicherungen bei Versicherungen oder der Pensionen. Letztere seien hier als Wertpapierprodukte interpretiert, denn nur wenn sie als Wertpapierprodukte durch Derivate, die in anderen Wertpapierprodukten des Wirtschaftslebens stecken, reproduzierbar sind, können deren Eigenschaften innerhalb des Wirtschaftssystems abgebildet werden.

Folglich kann nur, wenn das Derivat der risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins in den Wertpapieren der Wirtschaft enthalten ist, garantiert werden, dass der Betrag in Höhe des Derivats der risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins innerhalb des Wertpapiers sicher vor dem Verzehr in Folge des schlimmsten anzunehmenden Ausfalls geschützt werden kann. Der schlimmste anzunehmende Ausfall ist dabei nicht einfach der Totalausfall.

Für die Fälle eines Ausfall in Folge eines statistisch unabhängigen Risikos gibt es Versicherungen. Die Versicherungen erhalten eine Risikoprämie und verpflichten sich im Gegenzug, im Falle eines Ausfalls in Folge eines versicherten Risikos den Ausfall zu ersetzen. Die Versicherung kann diese Verpflichtung eingehen, da die einzelnen Risiken statistisch voneinander unabhängig sind. Die einzelnen übertragenen Risikoprämien ergeben ein Vermögen, aus dem die zu erwartenden Schäden beglichen werden können. Durch eine Rückversicherung kann der Pool der Risiken erweitert werden, so dass eine zufällige Häufung von Schadensereignissen die jeweilige Versicherung nicht überlastet. Die zur Versicherung dieser versicherbaren Risiken zu zahlenden Risikoprämien bilden weitere Derivate neben dem der risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins.

Systemische Risiken sind jedoch nicht versicherbar. Denn wenn es eintritt, so betrifft es alle zugleich. Alle Ausfälle müssen zugleich durch Vermögensverluste neutralisiert werden. Systemische Risiken können folglich nicht mit dem Derivat entsprechend einer Risikoprämie abgebildet werden. Für ein systemisches Risiko muss also selbst ein Derivat gebildet werden, das neben der risikolose Anleihe zum risikofreien Zins steht. Dieses Derivat hat eher die Eigenschaft einer Rücklage für die Risikovorsorge. Wenn man das Derivat des systemischen Risikos beziffern möchte, muss man aber beantworten können, ob das Risiko auf einen bestimmten nominalen Wert begrenzt werden kann und das dürfte in der Regel innerhalb der Wirtschaft unmöglich sein.

Denn außerhalb der Notenbank ist Geld ein Schleier, der keine eineindeutige Verbindung mit der realen Wirtschaft hat. Der nominale Wert eines Wertes der realen Welt ergibt sich aus Erwartungen, aus aktuellen Herstellungskosten oder aus einem sonstigen Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Damit kann eine nominale Forderung, die durch reale Werte und nicht durch Notenbankgeld oder die Notenbank selbst , besichert ist, nur so sicher sein, wie die Stetigkeit des nominalen Wertgerüstes.

Das nominale Wertgerüst steht aber unter starken Einflüssen. In der Eurozone dient das nominale Wertgerüst den nationalen Wirtschaften als wesentlicher Hebel für wirtschaftliche Anpassungsprozesse. Auch Systemschocks beeinflussen das nominale Wertgerüst erheblich. Zu diesen gehört das Platzen von Erwartungsblasen. Damit sind insbesondere im Euroraum stets schwerwiegende systemische Risiken präsent.

Bei keinem dieser Prozesse dürfte zuverlässig ein Limit gezogen werden können. Und wenn dieses Limit gezogen würde und dann doch überschritten würde, so wären die Derivate der risikolosen Anleihe zum risikolosen Zins, die auf dem gesetzten Limit basierten, falsch aus dem originären Produkt heraus geschält worden. Wenn dann aber diese risikolosen Anleihen zum risikofreien Zins, als solche im Markt weiter verwertet worden sind, wurde der Haftungszusammenhang von dem ursprünglichen Wertpapier abgetrennt. Eine Variante davon sind Garantien für die Sichteinlagen, die Kapitallebensversicherungen oder die Pensionen.

Wurde die risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins zu groß einschätzt, so bleibt im Falle eines Ausfalls des originären Produkts ein Teil des Ausfalls schwebend. Aber auch dieser schwebende Ausfall muss mit Vermögensverlust neutralisiert werden, um die Spannung aus dem System zu nehmen.

Und genau das ist in meinen Augen passiert. Die Wirtschaft der erste Welt Staaten hat sich seit dem zweiten Weltkrieg zu robust entwickelt, als dass die systemischen Risiken, die dem Wirtschaftssystem inne wohnen, noch als solche wirklich im täglichen Wirtschaftsleben richtig bewertet wurden. Man ging von zu großen Teilen aus, die man als risikolose Anleihe zum risikofreien Zins behandeln könnte.

In dem Fall eines falsch kalkulierten, versicherbaren Risikos, also einem statistisch unabhängigen Risikos kann ein solcher Fehler durch das System kompensiert werden. Dafür werden Haftungstöpfe vorgehalten, wie die Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit für die Sichteinlagen der Banken, für die Einlagen in Kapitallebensversicherungen oder für die bei Pensionssystemen. Diese füllen den verbleibenden Ausfall durch die Hergabe von Vermögen auf, so dass hier das Haftungsprinzip gewahrt werden kann.

Im Fall eines falsch kalkulierten, systemischen Risikos ist die Summe des schwebenden Ausfalls schnell zu groß, als dass die verbleibenden Haftungstöpfe wie das Eigenkapital der Banken, oder der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit diese noch ausgleichen könnten. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Banken, Versicherungen und Pensionssysteme selbst durch das eingetretene Risiko bis an die Grenze der eigenen Haftungsfähigkeit betroffen sind. Das bedeutet, dass selbst wenn all diese Institute Insolvenz anmelden würden, trotzdem große Ausfälle schwebend bleiben würden oder diese gar durch den Massenverlust im Rahmen der Insolvenz noch größer würden. Das Haftungsprinzip wäre somit nicht mehr durchsetzbar. Dies ist die Folge der abgetrennten Haftung und der Unanfechtbarkeit der ausgestellten Garantien. Wäre die Haftungsbeziehung nie durchtrennt worden, so wäre jede nominale Schuld noch mit ihrem gegenüber stehenden nominalen Vermögen verknüpft und das Haftungsprinzip könnte noch eingehalten werden. Würde der Schuldner ausfallen, so würde das Vermögen des Gläubigers verzehrt und damit wäre das nominale Spannungsgefälle neutralisiert. Neben den oben aufgeführten Garantien gibt es auch andere Möglichkeiten die Haftungsbeziehungen zu zerschneiden, wie zum Beispiel durch den Handel zwischen juristischen Personen mit beschränkter Haftung.

Ist die Haftungsbeziehung ersteinmal nachhaltig zertrennt, muss der schwebende Ausfall anderweitig kompensiert werden. Das Haftungsprinzip kann dort nicht mehr helfen. Damit kann der Ausfall aber auch nicht mehr innerhalb des Marktsystems aufgefangen werden. So kann der Ausfall überraschend und zufällig einzelne Wirtschaftssubjekte treffen. Alternativ kann die Neutralisation der schwebenden Ausfälle letztlich nur durch die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft erfolgen. Denn alle, die im Sinne des Haftungsprinzips zur Rechenschaft gezogen werden konnten, sind schon weit überfordert.

Folglich können, wenn die risikolose Anleihe zum risikofreien Zins nicht als Derivat innerhalb der originären Produkte des Wirtschaftsleben existiert oder abgrenzbar ist, jene Wertpapiere, wie die Garantien der Sichteinlagen bei Banken und viele andere, die in unserem Finanzmarkt selbstverständlich sind, nicht durch die im Markt existenten Derivate reproduziert werden. Folglich darf es diese Wertpapierprodukte nicht geben, da sie Wirkungen entfalten können, die der Markt nicht verarbeiten kann.

(Einschub: An diesem Punkt haben sich die Staaten und ihre Gesellschaften dazu entschlossen, die Finanzinstitute nicht in die Insolvenz zu schicken, um deren Funktion, die sie in der Gesellschaft übernehmen, nicht zu beeinträchtigen. Dafür wurde den Instituten zugestanden, ihre Bilanzierung zu ändern, um die Schäden kleiner wirken zu lassen. Um die entstandenen Bilanzlücken wieder zu füllen und die Banken auch wieder nach bisherigen Maßstäben nicht überschuldet dastehen zu lassen, haben die Notenbanken Programme gestartet, die für die Institute quasi Arbitragegewinne im riesigen Ausmaß ermöglichen, die eben diese Bilanzlücken wieder zuschütten sollen. Die Gewinne werden zu Arbitragegewinnen, da die zugrunde liegenden Risiken, defacto von den Staaten und den Notenbanken übernommen werden. Andernfalls würden sie die Institute in die Insolvenz schicken, was gerade verhindert werden sollte. Diese Gewinne gehen zu Lasten der öffentlichen und privaten Haushalte. Die Staaten haben darüber hinaus mit Garantien und zusätzlichen Geldern diesen Weg flankiert. Dieser Weg der Schadensbereinigung hat mit einer Marktwirtschaft wenig mehr gemein.)

Das führt zu einem neuen gravierenden Problem. Durch die Trennung der originären Haftungsbeziehung einerseits und die Kompensierung der Ausfälle zu Lasten anderer Wirtschaftssubjekte, die nicht in die Haftung zu nehmen wären, andererseits, kommt es zu einer unbegründeten und ungeplanten Vermögensumverteilung innerhalb der Gesellschaft. Diese wird noch ausgeprägter, wenn zusätzlich bestimmte Bereiche zur Stabilisierung des Systems mit Gewinnen und damit mit Vermögen geflutet werden, das ebenfalls anderen Wirtschaftssubjekten entzogen wurde. Die Vermögensumverteilungen untergraben die Allokationsfunktion des Marktes. Das beeinträchtigt die reale Wertschöpfung weiter, die schon unter den Folgen des Anpassungsschocks und der damit verschlechterten Erwartungen leidet. Die geringere reale Wertschöpfung und die höhere Belastung vieler Wirtschaftssubjekte in Folge der Umverteilungen wird einige Wirtschaftssubjekte selbst in die finanzielle Überlastung treiben. Damit entstehen weitere Forderungsausfälle, die durch das Haftungsprinzip nicht mehr gedeckt werden können und welche die Überforderung des Systems weiter verschärfen. Außerdem droht in Folge des Zahlungsausfall auch ein Ausscheiden aus dem Wirtschaftsprozess, so dass die Wertschöpfung weiter zerfällt. Dieser Regelungsprozess scheint destabilisierend zu sein. Die Gesellschaft und ihre Wirtschaft droht zu kollabieren. Doch auch angesichts des Kollaps würden dieser Überlegung zur Folge gerade jene am besten dastehen, die im Herzen der Krise arbeiten, während das normale Wirtschaftsleben ausbluten würde. Das Haftungsprinzip wäre in sein Gegenteil verkehrt. Man könnte den Eindruck bekommen, das wir das derzeit erleben. Es wäre ein Prozess in dem das Geld seine Tauschmittelfunktion verliert, in dem diejenigen, die reale Werte schaffen und diese in nominale Werte wandeln, für Dritte haften und übermäßig belastet werden. Es wäre ein Prozess, der zu einer unberechtigten Neuordnung der realen Besitzstände innerhalb der Gesellschaft führt.

Der Ausgangspunkt dieses Prozesses war die Illusion eine risikolosen Anleihe zum risikofreien Zins aus einem originären Finanzprodukt des Wirtschaftslebens heraus schälen und seitens der Haftung abtrennen zu können. Selbst, wenn dieses Derivat Teil eines Wertpapierprodukt der realen Wirtschaft wäre, so müsste ausgeschlossen werden können, dass es falsch bewertet würde, wenn man diesen Regelungsprozess sicher ausschließen möchte.

In diesem Sinne, meine ich dargestellt zu haben, dass die Durchsetzung des Haftungsprinzips auch der Voraussetzung bedarf, dass die Haftungszusammenhänge nicht zertrennt werden. Man kann sie wie Ströme teilen, umleiten und wieder zusammen führen, man darf sie aber nicht abschneiden und woanders wieder anfügen. Diesen Grundsatz müssten wir in unseren Regelrahmen umsetzen, um uns nachhaltig aus der Krise befreien zu können. Denn nur dann können wir das Haftungsprinzip durchsetzen und eine Krise eindämmen. So droht diese Krise oder eine ihrer Nachfolger unser Wirtschaftsleben für sehr lange Zeit zu sprengen.

Ich persönlich glaube, dass die immer mehr perfektionierte wirtschaftliche Aktivität – man könnte auch sagen, die immer mehr überdehnte Ausnutzung und Beugung der existierenden Regelrahmen – uns an einen Punkt geführt haben, der selbst eine Reaktion erzeugt. Der Auslöser der US-Immobilienblase war ein leicht erhöhtes Absinken gewisser Quoten als es aus der Extrapolation der letzten 50 Jahre ableitbar war. Eine scheinbare Kleinigkeit hat uns einen ersten Vorgeschmack darauf gegeben, was passieren könnte, wenn sich die Wirtschaftssysteme der erste Welt Staaten überdehnt haben und die Gegenreaktion das falsch konstruierte System zerreist.