Die Krise des Euroraums wird weiter anhalten

Es ist eine Weile her, da hat die Politik versprochen, keine Schuldenschnitte mehr durchzuführen. Man hat das von Seiten der Politik als Versprechen verstehen können, bedingungslos für die Schulden der Krisenstaaten einzustehen.

Auch die EZB hat mit der Ankündigung ihres unbegrenzten Ankaufprogramms ihren Teil dazu beigetragen. Der Markt entspannte sich, wie gewünscht, so dass sich die EZB bis heute nicht gezwungen sah, ihr Versprechen in großem Umfang umzusetzen. Dementsprechend sind ihre Bestände an Anleihen der Krisenstaaten noch so gering, dass sie noch nicht in ihrer Verhandlungsposition gegenüber der Politik beschränkt wurde.

Allerdings haben beide Versprechen die Haushalte der Krisenstaaten noch nicht in dem Umfang entlastet, als dass diese aus der Krisenspirale entfliehen konnten. Draghi wird in Bezug auf die Firmen zitiert mit den Worten „Der Kreditfluss wird schwächer und schwächer“.

Das wird auch daran liegen, dass die starken Staaten noch immer einer Vermögensillusion erliegen. Sie glauben immer noch, dass ihre Vermögen gegenüber den Krisenstaaten noch etwas Wert seien. Der Wert eines Vermögen bemisst sich aber über den abgezinsten Wert der zukünftig zu erwartenden Zahlungen. Im Verhältnis zwischen Staaten fällt dieser Wert in sich zusammen, wenn man das andere Land derart ausquetscht, dass es selbst daran zugrunde geht. Im Verhältnis zwischen Staaten steigt es allenfalls dann, wenn man dem anderen Staat hilft, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen und dann an dem späteren Wirtschaftserfolg partizipiert. Das war auch die Idee hinter dem von mir früher vorgestellten Altschuldentilgungsfonds, der nicht mit dem später vorgestellten der Wirtschaftsweisen zu verwechseln ist.

Da die starken Staaten der Eurozone sich aber für das Ausquetschen entschieden haben, werden die Krisenstaaten immer noch über „Los“ gehen müssen, um einen stärkeren Aufwärts- als Abwärtsimpuls zu bekommen. Das „Los“ wird ein völliges Scheitern ihrer Staatshaushalte sein, die die Restschulden derart minimieren, so dass die Attraktivität neuer Investitionen in die Firmen des Landes nicht mehr durch drohende Steuern in dem Land überschattet werden. Denn wer will heute zum Beispiel in Griechenland investieren? Und ohne Investitionen wird auch die Beschäftigung nicht steigen. Schließlich gehen bei unseren sehr hohen Wertschöpfungswerten Arbeit und Kapital immer Hand in Hand. Für einfachste Produktion ohne Kapitaleinsatz ist auch der heute noch geforderte Lohn viel zu hoch. Die Kehrseite der Entschuldung beim Zug über „Los“ wird dann der Vermögensverlust bei den heute starken Staaten sein. Und jede halbherzige Unterstützungsleistung wird diesen Verlust erhöhen. Genauso wie jede Verzögerung diesen Vermögensverlust vermehren wird, die dazu führt, dass die Ressourcen dieser Staaten länger derart wenig genutzt bleiben, also Massen von Menschen arbeitslos sind und deren Verschuldung steigt.

In dem Zusammenhang sollten gerade wir Deutschen uns unserer Erfahrung mit Ostdeutschland bewusst sein. Dort wurde eine Wirtschaft ausradiert und in unserem gemeinsamen Wirtschaftsraum hat sie sehr, sehr lange gebraucht, um sich wieder zu beleben. Wollen wir das den Griechen und anderen antun?

Vor dem Hintergrund des oben geschriebenen muss man auch erkennen, dass günstige Leitzinsen der EZB das Problem nicht beheben werden. Niedrige Leitzinsen führen nur dazu, bestimmte Bereiche in der Hoffnung zu mästen, dass deren Gewinne an den richtigen Ecken die Defizite wieder auffüllen. Nur steht die Funktionsweise des Marktes dieser Hoffnung entgegen. Auch die Geldschwemme wird sich dort konzentrieren, wo die Rendite lockt. Das zeigt sich in stark gestiegenen Preisen vieler Anlagegüter. Wie wenig nachhaltig das sein kann, erleben die Spanier in ihrem Land. So stellt sich die Frage, ob die Schäden dieser Strategie nicht wahrscheinlich eher eintreten werden, als der erhoffte Gewinn.

In meinen Augen hatte die Währungsunion mit dem eingeschlagenen Weg zumindest eine Perspektive zur Genesung. Auch wenn dieser noch über weitere schwere Tiefs geführt hätte und der Schaden bei allen Beteiligten noch erheblich weiter gewachsen wäre.

Da in letzter Zeit aber immer mehr die Zusage der bedingungslosen Unterstützung der Krisenstaaten wieder einkassiert wurde und auch immer mehr Staaten mit Positionen hervorgetreten sind, die einer im Interesse aller liegenden Lösung entgegen stehen – das Stichwort heißt hier Moral Hazard – erwarte ich, dass selbst die kleine positive Perspektive immer mehr einer nie endenden Geschichte weicht.

In diesem Zusammenhang bin ich davon überzeugt, dass Deutschlands aktueller Erfolg nicht unwesentlich durch die Krise in Europa bedingt ist und dass sich Deutschlands aktueller Reichtum deswegen später zu guten Teilen als Illusion erweisen könnte. Man denke nur an Spanien heute, dass ein paar Jahre zuvor, auf der sonnigen Seite der europäischen Konjunkturschaukel saß und dessen Vermögen sich binnen kurzer Zeit pulverisiert hat.