Unterschiede zum Vollgeld und zu den 100% Reserve Ansätzen

Ich habe in verschiedenen Veröffentlichungen Änderungen im Finanzmarkt vorgeschlagen. Von Dritten wurden diese Überlegungen immer wieder in eine Reihe mit den 100% Reserve Ansätzen und dem Vollgeld gesetzt.

Dies trifft aber nicht zu. Meine Überlegung geht von einer besseren Umsetzung des Haftungsprinzips aus. In Folge dessen trenne ich zwischen Geld, welches für eine risikobehaftete Investition genutzt wird und Geld, welches frei von Risiken verwahrt werden soll. Letzteres entspricht dem gehorteten Geld mit dem Unterschied, dass ich ein Konto fordere, auf welchem es isoliert von jeglicher Risikobeziehung aufbewahrt werden kann. Solange das Geld auf diesem Konto liegt, ist es wie gehortetes Geld dem Geldkreislauf entzogen. Dieses Konto soll im Vergleich zur Hortung des Geldes dem Nutzer den Komfort des elektronischen Zahlungsverkehrs eröffnen und das Geld gegen Diebstahl und Verlust schützen.

Die Abschottung der Geldaufbewahrung von der Sphäre des investierten Geldes ermöglicht es den Marktteilnehmern, Geld sicher vor Krisen am Kapitalmarkt zu schützen und dessen zuverlässige Verfügbarkeit für Tauschgeschäfte zu garantieren.
Mit der Abtrennung des gehorteten Geldes verbleiben nur noch die risikobehaftete Einlagen in der Bankenbilanz. Dies wäre eine wichtige Voraussetzung dafür, dass eine Bank zukünftig für alle Risiken, die sie eingeht, auch haften kann.

Eine vergleichbare Abschottung des verwahrten Geldes scheint in den Ansätzen der 100% Reserve nicht vorgesehen zu sein. Von daher ist das 100% Reserve System auch nicht vergleichbar gut in der Lage, Schocks am Kapitalmarkt vom Warenmarkt fern zu halten.

Das Vollgeld hingegen ersetzt das System des Fiatgeldes. Mein Überlegungen stellen das Fiatgeld nicht in Frage. Ich halte es nach wie vor für ein sehr geeignetes Geldsystem. Mein Vorschlag führt nur zu einer Zunahme eines Effektes, der der Geldhortung gleicht. Dieser kann aber über die Geldmengensteuerung innerhalb des Fiatgeldsystems gut kompensiert werden.

Die garantierte Sichteinlage in meinem Vorschlag kann am sinnvollsten durch eine Einlage bei der Notenbank umgesetzt werden. Dann wäre das Geld im Besitz der Notenbank und im Eigentum des Konteninhabers. Nur die Notenbank selbst kann das physisch herein genommene Geld vernichten und zugleich die Ausgabe eines entsprechenden Notenbankgeldvolumens zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt garantieren. Damit entfallen die Risiken der physischen Geldaufbewahrung, der sich jedes Wirtschaftsunternehmen gegenüber sehen würde. Vor allem ist die Sichteinlage aber auch völlig von der Zahlungsfähigkeit der betreuenden Geschäftsbank beziehungsweise des Gelddienstleisters getrennt. Die Sichteinlage in dem vorgeschlagenen System ist dementsprechend vergleichbar mit der Kombination aus einer Bargeldhortung mit einem perfekten Schutz vor ungeplantem, nominalem Wertverlust.

Eine Geschäftsbank könnte in diesem System dementsprechend nur Geld verwenden, das ihr von Investoren als Kredit oder als Eigenkapital zur Verfügung gestellt würde. Wie bei einem Wirtschaftsunternehmen üblich, würden Verluste der Geschäftsbank auf das Vermögen der Investoren durchschlagen. Geld, welches Kunden in der Absicht, damit Rendite zu erzielen, der Geschäftsbank überlassen, würde dementsprechend nicht als garantierte Sichteinlage verbucht werden. Eine Rendite mag in diesem Zusammenhang auch schon eine Gebührenbefreiung sein. Es wäre also immer noch möglich, dass Geschäftsbanken nicht garantierte Girokonten anbieten.

Folglich gäbe es in diesem Modell keine Verwendungsmöglichkeit für das Geld mehr, bei dem risikofrei Zinsen vereinnahmt werden könnten.

Die Geschäftsbanken könnten durch die Ausbildung von getrennten Sondervermögen, die seitens der Haftung voneinander isoliert sind, den verschiedenen Anlagebedürfnissen und den damit verbundenen Risikoneigungen der Kunden entsprechen.

Im Gegensatz zu den Systemen der 100% Reserve oder des Vollgeldes können Geschäftsbanken also nach wie vor etwas tun, was der Giralgeldschöpfung gleicht, wenn es die Kunden denn akzeptieren und das neue, damit verbundene Risiko tragen. In diesem Zusammenhang müssen die Geschäftsbanken Mechanismen schaffen, die ihnen geordnete Verfahren im Falle eines plötzlichen Abzugs der Anlagebeträge ermöglichen. Denn die dafür vorhandene Garantie der Sichteinlagen bei den Geschäftsbanken würde mit der Umsetzung dieses Vorschlages entfallen.

Das Instrumentarium der Notenbank muss zur Umsetzung des Vorschlages nur wenig verändert werden. Es wird nach wie vor davon ausgegangen, dass es für die Wertstabilität einer Währung essentiell ist, dass die Notenbank prinzipiell in der Lage ist, die Währung vom Markt zu räumen. Solange dem Notenbankgeld eine entsprechende Schuld oder ein Vermögen gegenüber steht, ist sie in der Lage die Geldmenge zu kontrahieren und dadurch einen gewissen realen Wert zu garantieren. Es bestünde also nicht die Gefahr, dass plötzlich die Nachfrage und damit die Akzeptanz des Geldes verloren gingen und der reale Wert des ausgegebenen Geldes kollabieren würde.

Es ist wahrscheinlich, dass die Notenbank im Vergleich zu heute, ihre Geldschöpfung erhöhen müsste. Sie müsste jenen Teil der Giralgeldschöpfung substituieren, der durch die nicht mehr gewährte Garantie für Sichteinlagen bei Geschäftsbanken versiegt. Sie müsste die durch die Sichteinlage bei der Notenbank aus dem Geldumlauf ausscheidenden Geldmengen kompensieren. Um ihre Sicherheit als Gläubiger und die Stabilität des Währungssystems weiterhin zu gewährleisten, sollte sie zusätzliche notenbankfähige Wertpapiere definieren, um sie als Sicherheit für Notenbankkredite akzeptieren zu können. Das würde der Notenbank eine Diversifikationsstrategie ermöglichen, die ihr Risiko auch bei erhöhter Notenbankgeldschöpfung niedrig hält.

Die Umstellung entsprechend des Vorschlages wäre dementsprechend einfach. Vor der Umstellung sollte die Notenbank die neuen notenbankfähigen Wertpapiere definieren, so dass sich der Finanzmarkt darauf einstellen kann und eine ausreichende Anzahl bei der Umstellung bereit halten kann. Der eigentliche Umstellungsprozess würde durch die Gewährung von Sichteinlagen bei der Notenbank und der Beendigung der Garantien der Geschäftsbanken für ihre Sichteinlagen begonnen. In Folge dessen würde ein Teil der Sichteinlagen zur Notenbank wandern. Die alten Sichteinlagen bei den Geschäftsbanken, die jetzt keine Garantien mehr umfassen, würden wahrscheinlich in erheblichen Umfang weiter genutzt. Die Umstellung würde einen Lernprozess anstoßen, bei dem sich das Verhältnis der Marktteilnehmer zum Risiko neu bestimmt. Dieser Prozess sollte durch eine entsprechende Informationskampagne begleitet werden. Am Ende dieses Prozesses sollte in Bezug auf Investitionen gleich welcher Art ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken bestehen.

Dann wäre es möglich, Finanzmarktkrisen, wie wir sie gerade erleben, durch Anwendung des Haftungsprinzips zu beenden. Die Gesellschaften könnten dann nicht mehr durch den Finanzmarkt derart unter Druck gebracht werden.